Friday, January 13, 2006

Essay

Boas und Nachfolger
Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?


„Wenn man Kulturen auf eine Stufenleiter stellt, übersieht man die Einzelheiten. Man muss die Kultur als Ganzes sehen“ Franz Boas[1]

Franz Boas (1858 – 1942) machte den bereits ein Jahrhundert zuvor eingeführten Kulturrelativismus zum zentralen Thema der nordamerikanischen Anthropologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Boas studierte Anthropologie in Heidelberg und kam als deutscher Immigrant in die Vereinigten Staaten Amerikas. Nach einigen Jahren Museumstätigkeit, unterrichtete er an der University of Columbia, wo er die 4-field-approach einführte, die die amerikanische Anthropologie bis heute von der Europäischen unterscheidet.
In diesem Modell setzt sich die Anthropologie durch 4 Felder zusammen:
der linguistischen, physiologischen/biologischen, archäologischen sowie der kulturellen/sozialen Anthropologie. [2]

Boas war ein Kritiker des Evolutionismus. Nach seiner Forschung bei den Kwakuitl, eine Gruppe von Jäger und Sammlern, die ohne Aufstieg zum Ackerbau eine starke hierarchische Sozialstruktur besitzen, stellte er die These der Evolutionisten in Frage, die besagt, dass die Entwicklung von Jäger und Sammlern zum Ackerbau bis hin zur industrialisierten Gesellschaft in jeder Kultur stattfinden muss.

Nach Boas muss Kultur mit allen materiellen, symbolischen und sozialen Komponenten beschrieben werden. Dieser Ansicht war auch der Evolutionist Edward Burnett Tylor, jedoch war für ihn Kultur mit Zivilisation gleich zu setzen. Boas aber verstand unter Kultur, das erlernte Verhalten der Menschen, was er in seiner Forschung in den Jahren 1883-1884 in Buffin Island, bei den Inuit erkannte. Dort erforschte er, wie sich das Verhalten auf Grund verschiedener Umwelteinflüsse verändert. In seinem Buch „The Central Eskimos“ verabschiedete er sich vom Umweltdeterminismus und meinte, um eine Kultur verstehen zu können, muss man sich mit allen Faktoren auseinandersetzen.
Für ihn galt: Kultur ist wie Sprache. Um eine Kultur verstehen zu können, ist es auch essentiell die Sprache zu erlernen. [3]
Daraus entstand der Kulturrelativismus: Es ist notwendig, eine Kultur in ihrer Sprache und ihrem historischen Kontext zu verstehen, bevor man generalisiert.
Der Schlüssel zu diesem Verständnis ist die Separation von race, Sprache und Kultur. [4]


Es gab 2 Wege, die seine Schüler verfolgten. Auch er selbst, schwankte immer zwischen dem harten und dem schwachen Kulturrelativismus.

Harter Kulturrelativismus: Die Unterschiede zwischen den Kulturen werden verabsulitiert. Alle Kulturen unterscheiden sich, es gibt keine Gemeinsamkeiten.
Die Unterschiede sind kaum überbrückbar und nicht zu vergleichen.

Schwacher Kulturrelativismus: Die Unterschiede zwischen den Kulturen sind relativ. Es gibt sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten mit dem Rest der Welt, bzw. mit zumindest einer Kultur. [5]

Wie schon oben erwähnt, unterschieden sich die Wege seiner Schüler. In der ersten Generation seiner Schüler, vor dem ersten Weltkrieg, legte Boas den Focus auf die Geschichte.
Zu dieser Generation zählten Robert Lowie, Leslie Spier, Herskovits, Speck, Wissler.
Robert Lowie wurde in Wien geboren. Wegen seiner jüdischen Abstammung immigrierte er in die Vereinigten Staaten von Amerika. Er gehörte zu den Anhängern des schwachen Kulturrelativismus. Zu seinen Werken zählen unter anderem:

- Societies of the Arikara Indians (1914)
- Dances and Societies of the Plains Shoshones (1915)

Robert Lowie war einer der bekanntesten Schüler Boas. [6]

In der zweiten Generation seiner Schüler ging Boas auf die Psychologie der Kulturen ein. Mit ihr gründete er die Culture and Personality School. Zu dieser Generation zählten Alfred Kroeber und Edward Sapir.
Alfred Kroeber ist ein Vertreter des starken Kulturrelativismus. Für ihn hat jede Kultur individuelle Keysymbols, also bekannte oder wichtige Symbole einer Kultur. Er meint, dass jede Kultur durch Persönlichkeiten wie zB: Künstler veränderbar ist.
Edward Sapir, arbeitete 15 Jahre in einem Museum in Ottawa und unterrichtete dann kurz in Chicago und Yale. Dort unterrichtete er Linguistik. Er hatte einen wichtigen Einfluss auf seine Schüler, die sich auf die Sprache der American-Indian spezialisierte.
1938 brach ein Streit zwischen Sapir und Boas aus. Sapir interessierte sich immer mehr für das Verhältnis der Kultur zum Individuum. Damit sprach er auch Ruth Benedict an. Er wandte sich auch mehr seinen Schülern zu, vor allem Benjamin Whorf mit dem er nach Boas Tod die „Sapir-Whorf’sche Hypothese“ aufstellte: [7]

„Mit unserer Sprechweise entwerfen nicht wir das Denken bzw. Wahrnehmen der Umwelt, sondern umgekehrt.“ [8]

Damit ist gemeint, dass die Sprache das Denken anregt, das die Wirklichkeit konstruiert. Man bezeichnet diese These als linguistische Relativitätstheorie.
Eine Kritik an dieser These lautet: In vielen Familien wachsen Kinder zweisprachig auf. Kleinkinder können aber lange bevor sie sprechen lernen wahrnehmen. Die Grenzen kann man nicht überprüfen. [8]

Seiner 3. Generation von Schülern lehrte er einen Mix aus Geschichte und Psychologie. Zu den SchülerInnen dieser Generation zählen: Ruth Benedict und Margret Mead.
Die beiden Schülerinnen vertraten den harten Kulturrelativismus und setzten die Anthropologie für das amerikanische Militär zum Zweck der Information über die Kriegsgegner im 2. Weltkrieg ein.
Magred Mead verfasst das Werk „Kultur und Persönlichkeit“. Sie war eine der innovativsten SchülerInnen und machte als Einzige außerhalb der USA Studien. Sie bemühte sich ihre Ergebnisse auch den Nicht-Wissenschaftlern zugängig zu machen und stellte die amerikanische Kultur und ihre Studien in Frage. Weiters prägte sie den Genderaspekt in der Kultur- und Sozialanthropologie.
Ruth Benedict interessierte sich erst mit 32 Jahren für die Anthropologie und wurde dann zur berühmtesten Wissenschaftlerin Amerikas gekürt. Sie machte Feldforschungen in Californien und in New Mexiko. Dort fiel ihr der große Unterschied zwischen Zuni und Pima auf, obwohl diese in der fast gleichen Umwelt leben. In ihrem Buch fragt sie nach der Begründung der Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen. Außerdem charakterisierte sie die Kulturen Zuni und Dabu und stellt sie der Amerikanischen gegenüber, die sie damit kritisierte. Sie kam zu dem Schluss, dass jene Dinge, die in einer Kultur als „normal“ und „wichtig“ bewertet werden, in einer anderen Kultur verrückt erscheinen können. [9]

Ein weiteres ihrer Werke ist „The Chrysantheman and the Sward“ in dem sie über Nationalpersönlichkeiten des Kriegsgegners schreibt. Die Kultur- und Sozialanthropologie wurde dazu missbraucht die Japanische Gesellschaft zu erforschen um den Kriegsgegner besser durchschauen zu können. [10]

Sowohl dieses Werk und auch das Werk „The arab mind“ von Raphael Patai, in dem er versucht den arabischen Charakter zu analysieren um heraus zu finden wie die arabischen Gefangenen zu demütigen sind, hat für mich nicht mehr viel mit Wissenschaft und Forschung zu tun. Eine Kultur rein zum Zweck der Demütigung und Ausbeutung zu erforschen sollte nicht der Zweck des Kultur- und Sozialanthropologie Studiums sein. Die Werke werden mit einer nationalistischen Haltung geschrieben und verursachen Vorurteile und Stereotypisierungen.

Der starke Kulturrelativismus ist für mich auch generell zu kritisieren, da man nicht verallgemeinert sagen kann, dass es keine Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen gibt. Vor allem nicht, wenn man zum Beispiel von Verwandtschaftssystemen spricht.
Obwohl sich der Kulturrelativismus gegen den Ethnozentrismus richtet, bemerkt man diese Einstellung beim harten Kulturrelativismus, da in erster Linie davon ausgegangen wird, dass es keine Gemeinsamkeit zur eigenen Kultur gibt.


Quellenangaben

[1] Vgl.: Eigene Mitschrift des Tutoriums: Einführung in die Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie, Universität Wien: 09.12.2005.

[2] Vgl. Eriksen, Thomas Hylland (2001): Small Places, Large Issues: An Introduction to Social and Cultural Anthropology. London: Pluto Press, S. 13 – 15.

[3] Vgl.: Eigene Mitschrift der Vorlesung von Prof. Dr. A. Gingrich zur Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie. Universität Wien: 09.11.2005

[4] Vgl.: Silverman, Sydel (2005): The Boasians and the Invention of Cultural Anthropology. In: Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin & Sydel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology. Chicago: The University of Chicago Press, S. 260

[5] Vgl.: Eigene Mitschrift der Vorlesung von Prof. Dr. A. Gingrich zur Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie. Universität Wien: 09.11.2005

[6] http://en.wikipedia.org/wiki/Robert_H._Lowie

[7] Vgl.: Silverman, Sydel (2005): The Boasians and the Invention of Cultural Anthropology. In: Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin & Sydel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology. Chicago: The University of Chicago Press, S. 266-277

[8] Vgl.: Eigene Mitschrift der Vorlesung von Prof. Dr. A. Gingrich zur Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie. Universität Wien: 09.11.2005


[9] Vgl.: Eigene Mitschrift des Tutoriums: Einführung in die Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie, Universität Wien: 09.12.2005.

[10] Vgl.: Eigene Mitschrift der Vorlesung von Prof. Dr. A. Gingrich zur Geschichte der Kultur- & Sozialanthropologie. Universität Wien: 09.11.2005

Wednesday, January 11, 2006

Van Gennep, Arnold - Referat

Arnold Van Gennep

Arnold Van Gennep wurde am 23. April 1873 in Ludwigsburg (Deutschland) geboren. Er hatte französische, deutsche und holländische Vorfahren.
Van Gennep befasste sich in der ersten Hälfte seiner Schaffensperiode vor allem mit außereuropäischen Kulturen. Zu den Arbeiten dieser Zeit gehören:

- Tabou et totémisme à Madagascar (1904)
- Mythes et légendes d’Australie (1906)
- Les rites de pasage (1909)
- Les semi-savants (1911)

Er war ein Zeitgenosse von Marcel Mauss, dem Neffen von Émile Durkheim.
Durch Émile Durkheim und seine Schule wurden seine Erkenntnisse nicht anerkannt, weil Van Gennep in seinem Werk über den Totemismus Durkheim’s Theorie kritisiert, dass alle Clans ein Totem, nach dem die Heirat geregelt wird. Außerdem kritisierte er Durkheim wegen seiner Ansicht, nach der Aborigines einfach und primitiv auf Grund ihrer Technik sind.
Seine einzige akademische Lehrtätigkeit begann er 1912 in der Schweiz und wurde dort der Inhaber des Lehrstuhles für Ethnographie.
Er blieb 3 Jahre lang in der Schweiz und sollte dort während des Krieges Verleumdungen gegen die Neutralität erforschen.
Er machte weitere Feldforschungen in Europa für die er viele Sprachen und Dialekte lernte.(er war also im Gegensatz zu Durkheim also kein „armchair anthropologist“)

Nach 1924 konzentrierte er sich dann auf Frankreich und schrieb das Werk:
„Manuel d’ethnogrphie français eontemporain. Dieses Werk war ein Mix aus altertümlicher Folklore im klassischen Stil mit Theorien und der ganzheitlichen Anthropologie Frankreichs mit Bezug auf den 2. Weltkrieg.
Beide Disziplinen, die Französische Volkskunde und die Ethnologie gehörten für ihn zusammen, da sie das Studium lebendiger kollektiver Fakten betreffen.

Arnold Van Gennep starb in Bourg-la-Reine in Frankreich 1957.



Sein wichtigstes Werk:

"Les rites de pasages":

Van Gennep beschreibt, wie bei unterschiedlichen Völkern das Problem der Grenzüberschreitung, das die Dynamik des sozialen Lebens begleitet, durch die Herausbildung von Ritualen bewältigt worden ist. Beispiele für solche Grenzüberschreitung sind Orts-, Status-, Berufswechsel, sowie Erwachsenwerden, Mutter/Vater werden, Altern, Geburt und Tod.
Es kommt also etwas Neues, etwas Unbekanntes und Rituale sollen Sicherheit geben.
Diese Rituale bezeichnet er als „Übergansriten“.
Rituale durchlaufen immer 3 Phasen.

1. Phase: den alten Zustand verlassen
2. Phase: ist eine Phase zwischen dem Alten und dem Neuen
3. Phase: in die neue Phase eintauchen.

Van Gennep beschäftigte sich genau mit der 2. Phase, die sich zwischen dem Alten und dem Neuen befindet.
Oft werden zur Absonderung des Alten und des Neuen bewusstseinsverändernde Pflanzen eingenommen. Es ist alles anders als der Alltag.
Diese Rituale haben immer eine Doppelfunktion:
Einerseits können die Verhältnisse stabilisiert werden, andererseits können dadurch Verhältnisse potentiell hinterfragt werden.

Van Gennep legt dieses 3-Phasen Model auf jedes Ritual um, egal in welcher Kultur und unter welchem Umstand das Ritual auftritt. Es ist also ein Struktur Modell genauso wie ein Prozess-Modell.

Van Gennep’s Werk über die Riten stieß in Frankreich auf überwiegend negative Resonanz. Marcel Mauss zweifelte an dem theoretischen Erkenntnisgewinn der Arbeit. Er meinte es sei eine „Binsenweisheit“, dass ein Ritus immer einen Übergang impliziere.

Bekannt wurde das Buch besonders durch seine Übersetzung ins Englische 1960 (also nach seinem Tod)
Vor allem dem britischen Strukturfunktionalismus nahe stehenden Forschern wie Max Gluckmann griffen seine Gedanken auf und beschäftigte sich mit den sozialen Funktionen von Ritualen. Seine Bekanntheit verdankt die Arbeit auch dem Werk von Victor Turner und dessen Rezeption, in der er vom Dreiphasenmodell ausgeht.

Sunday, January 08, 2006

Test

Hi!
Test, obs funktioniert ;o)